Happy Birthday, Niederkassel: eine Hommage von Christoph Brüske

Der Niederkasseler Kabarettist Christoph Brüske gratuliert der Stadt Niederkassel zu ihrem 40-jährigen Bestehen. Exklusiv im machPuls-Magazin und auf machPuls.de.

Happy Birthday, Niederkassel: eine Hommage von Christoph Brüske

40 Jahre hat Niederkassel im schönen Rhein-Sieg Kreis nun schon die Stadtrechte. Ein Grund zum Feiern. Und ich kann mich sogar noch an den damaligen Festakt erinnern, denn ich war zu jener Zeit Mitglied im Symphonischen Jugend-Blasorchester (Das hieß wirklich so). Wir durften zu jeder Gelegenheit unseren geblasenen Senf dazugeben. Wie sich doch die Musikgeschmäcker ändern. Würden wir das heute noch so handhaben, bräuchtest du keinen Lockdown mehr, damit die Leute zu Hause bleiben.

Jetzt werden einige vielleicht fragen, warum das damals mit der Stadtwerdung gemacht wurde. Gab es dafür vielleicht Payback Punkte? Man hätte die Kirche doch auch im „Dorf “ lassen können. Denn imGrunde genommen ist Niederkassel ein Verb und von 8 Dörfern. Und da habe ich Weilerhof schon wohlwollend mit eingerechnet.

Vielleicht dachten sich die „Herren im Rathaus“, dass ihre Gemeinde Niederkassel ziemlich genauso viele Einwohner wie Liechtenstein hat. Und die nennen sich sogar Fürstentum! Also beantragte man die Stadtrechte samt Wappen und hatte ein Argument mehr für höhere Grundsteuern.

Und die Entwicklung von Niederkassel darf getrost als rasant bezeichnet werden. Hat die Stadt aktuell knapp 40000 Einwohner, ist nicht auszuschließen, dass sie zum silbernen Jubiläum 50000 Menschen beheimatet. Überall entsteht Neues: Früher konntest du die Ortsteile, äh Stadtteile Rheidt und Mondorf noch auseinanderhalten. Heute erkennst du die Zugehörigkeit nur noch an der Vorwahl.

Und bei schnellem Wachstum kann es schon mal böse Überraschungen geben. Ich kann mich noch gut erinnern, wie in Rheidt das neue Wohngebiet „Schinks Gäßchen“ entstand und einige Zugezogene sauer darüber waren, dass ihnen ein Discounter vor die Nase gesetzt wurde. Hätten Sie doch mal vorher den Kaufvertrag gelesen! Da stand deutlich 495 Tausend Euro „Netto“.

Mit dem Betrag kommst du heute längst nicht mehr hin. Am Rhein entstehen auf Filetgrundstücken Eigentumswohnungen, bei denen sich selbst die Scheichs aus Abu Dhabi fragen müssen: Kauf ich einen englischen Fußballclub oder ein Grundstück an der Bonner Straße?

Diese Expansion ist kein Wunder, denn Niederkassel ist die drittgrößte Pendlerstadt der Republik. Gemessen an der Einwohnerzahl müssen nur in zwei Orten Deutschlands morgens mehr Menschen in die (wahre) Stadt zur Arbeit. Du hast es förmlich gespürt, wie dankbar viele von uns über das Homeoffice waren und sich damit zwei Stunden Rush Hour nach Bonn oder Köln pro Tag ersparen konnten. Damit wir dieses „Traffic-Feeling“ auch innerorts genießen dürfen, hat das Rathaus für die Sanierung der Straße zwischen Rheidt und Niederkasse extra ein ganzes Jahr veranschlagt. Wer ist da eigentlich Bauherr: Armin Laschet?!?

Natürlich ist in den 40 Jahren Stadtsein auch viel Tolles entstanden: Die Umgehungstraße, der Ortskern Lülsdorfs, das Gewerbegebiet Ranzel, der Sportpark Süd, die Renaturierung des Werthchens, der neue Rheidter Marktplatz (gut, es fehlt dort eine dritte Apotheke), die Neugestaltung des Mondorfer Rheinufers (Beton schafft Fakten) und die Verkehrsberuhigung in Niederkassel Ort durch eine Einbahnstraßenregelung. Die „Beruhigung“ galt anfangs übrigens auch für die Umsätze der dortigen Einzelhändler, hat sich aber durch das neue Einkaufszentrum samt Parkplatz (!) etwas gebessert.

Schade ist, und ich kann das als deutschlandweit auftretender Künstler beurteilen, dass wir kein Veranstaltungszentrum besitzen. Stadt ja, aber auf eine Stadthalle haben sich die widerspenstigen Ortsvorsteher nie einigen können. Und dass wir es in vier Jahrzehnten nicht zu einer besseren Verkehrsinfrastruktur gebracht haben, bleibt ein wirklicher Wermutstropfen. Meine Mutter ist in den 1950 er und 60er Jahren mit dem „Rhabarberschlitten“, also einem Zug, ins Büro nach Troisdorf gefahren. Und wir schreiben das Jahr 2021 und haben immer noch keine Stadtbahn. War da nicht irgendwas mit diesem – wie heißt es nochmal – Klimawandel?

Mir kommt gerade eine Idee. War alles nur ein Missverständnis? Vielleicht sind wir ja seit 40 Jahren gar keine Stadt, sondern eine „Statt“: Schnellbus statt Bahn, Telekom statt schnelles Internet oder Planspielchen statt Marketing. Auf jeden Fall steht Niederkassel vor großen Herausforderungen. Mit der Evonik verlässt uns bald der größte Arbeitgeber. Wir müssen schnellstens die Weichen stellen, damit unser Wohlstand nicht gefährdet wird. Aber es gibt sie: Die intelligente Wirtschaftsförderung und Gewerbeansiedlung. Schaut auf die Stadt Monheim am Rhein zwischen Leverkusen und Düsseldorf, ähnlich viele Einwohner und wie wir eingekesselt zwischen zwei Großstädten. Durch intelligente und hochmoderne Konzepte hat Monheim den Wandel gemeistert. Mit Herz, Mut und Verstand schaffen wir das auch, denn um unsere Lage direkt am Rhein beneiden uns mehr Menschen als wir denken.

Also, du geliebtes „Dörfer-Oktett“ namens Stadt Niederkassel: Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag! Und gib auf dich Acht.

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Über den Autor

Der Kabarettist, Moderator und Autor Christoph Brüske ist eng verbunden mit seiner Heimat Niederkassel. Er wuchs in Rheidt auf, besuchte das Kopernikus-Gymnasium und lebt auch heute, nachdem es ihn für einige Jahre in die große weite Welt (Köln) gezogen hatte, wieder in der wunderschönen Stadt am Rhein. Schon bei der Gründungsfeier der Stadt 1981 stand Christoph Brüske mit auf der Bühne, damals noch als Musiker im so genannten Symphonischen Jugend- Blasorchester (siehe Foto). Während die Einwohnerzahl der Stadt Niederkassel mit den Jahren immer weiter stieg, stieg Brüskes Bekanntheitsgrad stetig an, auch über die Grenzen der Stadt hinaus. Zum 40-jährigen Jubiläum gratuliert der Künstler seiner Heimatstadt.

* Erstveröffentlichung im machPuls-Magazin 2021-04.

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