Niederkasseler Bürger fürchten um ihre Sicherheit

Informationsveranstaltung von EVONIK Industries und PCC.

Niederkasseler Bürger fürchten um ihre Sicherheit

Einiges war im Vorfeld der Einladung zur Informationsveranstaltung des PCC -Konzerns, der hier am Lülsdorfer Standort der EVONIK eine Anlage zur Herstellung von Ethylenoxid bauen und betreiben will, schon bekannt geworden (machPuls berichtete über die Pläne): Ethylenoxid ist hochexplosiv, hochtoxisch und seine Herstellung sowie die Produktionsstätten unterliegen daher besonderen Umweltschutz-, Gesundheitsschutz- und Sicherheitsauflagen. Eine neue Produktionsstätte soll nun im Lülsdorfer EVONIK-Werk für rund 500 Millionen Euro gebaut werden. Dies war auch der Grund, warum sich am Samstagmittag viele Bürger im Werkskasino versammelten und auf Antworten und Informationen hofften. Standortleiter Dr. Arndt Selbach begrüßte gemeinsam mit der PCC-Direktorin Ulrike Warnecke und Dr. Peter Wenzel, Leiter Unternehmensentwicklung der PCC, die mehr als 300 Besucher im Kasino.

„Nicht jedes Werk würde sich in solch einer frühen Phase mit dem Projekt stellen. Wir hoffen, dass sie mit einem positiven Gefühl nach Hause gehen“, so Dr. Selbach zur Einführung. Bürgermeister Stephan Vehreschild sagte, dass der Standort der Evonik seit 110 Jahren von den Menschen, die hier leben, getragen wird. Änderungen müssten daher auch mit allen Menschen hier kommuniziert werden. „Ich bin froh, dass Vertreter aller Parteien vor Ort sind und das die PCC den Dialog mit den Bürgern beginnt. Ich möchte, dass der Standort erhalten bleibt. Dies kann aber nur mit allen Bürgern entschieden werden“, so Vehreschild. Michele Agusta, der Betriebsratsvorsitzende, warb für eine Neuansiedlung. „Wir haben derzeit nur noch 450 Mitarbeiter. Seit 1995, damals hatten wir noch 1700 Mitarbeiter, wurde hier mehr abgerissen als aufgebaut. Ich sehe die Ansiedlung als neue Chance für das Werk“, so Augusta. Projektentwickler Dr. Wenzel erklärte danach, dass man sich in der Prüfungsphase befinde, aber am Standort Lülsdorf interessiert sei. „Wir haben positive Rückmeldungen aber auch Befürchtungen zu hören bekommen“, so Dr. Wenzel. Er sprach von einem attraktiven Standort mit viel Freifläche, Werkschutz, Feuerwehr und guten Abbindungen an Schiene, Straße und Wasserwege.

Wir sprechen hier von einem sehr gefährlichen Stoff. Dagegen ist eine 10-Zentner-Bombe ein Knallfrosch (Teilnehmer)

Zum Veranstaltungsbeginn wurde vom Standortleiter das Fotografieren sowie das Erstellen von Film- und Tonaufnahmen während der fast dreistündigen Veranstaltung mit dem Hinweis untersagt, dass sich die Besucher sonst scheuen würden, ihre Fragen zu stellen. Diese Sorge war aber sicher unbegründet, denn viele Bürger meldeten sich zu Wort. So stand der Sicherheitsaspekt im Mittelpunkt der Fragen. Ein Ranzeler Arzt und Notfallmediziner machte auf einen Unfall mit drei Toten in Spanien im Januar 2020 aufmerksam. In einer Chemiefabrik, in der Ethylenoxid produziert wird, kam es zu einer Explosion, bei der eine 800 Kilogramm schweren Metallplatte kilometerweit durch die Luft geschleudert worden war. „Wir sprechen hier von einem sehr gefährlichen Stoff. Dagegen ist eine 10-Zentner-Bombe ein Knallfrosch. Wir haben hier Schulen, Kindergärten und nahe wohnende Bürger. Alle waren froh, dass die gefährlichen Stoffe aus dem Werk sind. Unter pekuniären (Anm.d.Red.: finanziellen) und logistischen Aspekten mag es für das Unternehmen sinnvoll sein, aus ärztlicher Sicht ist es unvertretbar“, so der Arzt. „Das, was in Spanien passiert ist, kann sich hier aber nicht wiederholen, denn wir erfüllen alle Standards. Chemie ist immer gefährlich. Autofahren ist das ja auch“, so die Antwort des Projektentwicklers Dr. Wenzel. Auf Nachfrage musste er allerdings auch eingestehen, dass man Neuland betrete, denn bisher habe man nur das Endprodukt verarbeitet, aber kein Ethylenoxid hergestellt. Auch werde man das neue Werk, mit zwei 58 Meter hohen Türmen, nicht auf einem ehemals bebauten Grundstück errichten, sondern auf einer Fläche, die derzeit als Ackerland verpachtet sei. Diese Fläche liegt zwischen dem Umspannwerk und der Wasserreinigungsanlage, westlich der Tennisplätze. Aber auch hier würde die vorgeschriebene Mindestabstandsgrenze der Kommission für Anlagensicherheit von 178 Metern eingehalten.

Auf die Frage eines Anwohners, was die Evonik denn von einer Ansiedlung habe, sagte Dr. Selbach, das man dadurch die Werksallgemeinkosten senken würde. Er warb darüber hinaus für die Ansiedlung mit der Aussage, dass PCC die Bürger vor Ort überzeugen möchte, dass man diesen Stoff handhaben könne. „Was hat Niederkassel davon, das sich die PCC hier ansiedelt? , so die Frage eines Bürgers, beantwortete die PCC-Direktorin Ulrike Warnecke mit den Worten: „Die PCC ist nicht die Caritas. Wir haben uns immer sozial engagiert und werden uns lokal engagieren, wenn das Projekt hier abgeschlossen ist“. Bis dahin vergehen nach dem derzeitigen Planungsstand noch einige Jahre. Der Zeitplan für den Bau und die Inbetriebnahme einer Ethylenoxid-Anlage und fünf weiterer Anlagen zur Weiterverarbeitung sieht so aus:

  • Februar 2020: Scoping-Termin (Antragskonferenz) mit Trägern öffentlicher Belange

  • Frühjahr bis Herbst 2020: Erarbeitung Genehmigungsanträge / Erstellung von Gutachten zu unter anderem Artenschutz, Lärm und Verkehr

  • Herbst 2020: Einreichung der Genehmigungsanträge bei der Bezirksregierung Köln

  • ab Herbst 2021: Beginn des Anlagenbaus nach endgültiger Investitionsentscheidung

  • ab 2024: Inbetriebnahme der Anlage, mit einer Jahresproduktion von 180.000 Tonnen Ethylenoxid

Nach derzeitigem Stand entstehen dann 120 neue Arbeitsplätze bei der PCC und 80 Arbeitsplätze bei Fremdfirmen. Ethylenoxid dient als Grundstoff zur Endwicklung von Tensiden. Diese wiederum sind Bestandteil in Körperpflegeprodukten, Reinigungs- und Waschmitteln oder sie sind Ausgangsstoff für die Produktion von Polyurethane-Schaumstoffen für die Möbel - und Automobilindustrie. Rund 800 Produkte gehen auf diese Grundstoffe zurück.

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