Zurück auf Anfang oder Alles neu?

Kolumne „Bönnsch Mädche in Niederkassel“

Zurück auf Anfang oder Alles neu?

Vor einem Jahr war das Leben hier in Niederkassel noch in Ordnung. Der eine verbrachte seine Tage auf dem Laufband, um die Pfunde des üppigen Weihnachtsessens loszuwerden, der andere versuchte, nach den Ferien wieder in den normalen Arbeitsalltag zu finden, und wieder ein anderer fragte sich, wo denn genau eigentlich dieses „Wuhan“ liege, in dem ein neuartiges, so genanntes „Coronavirus“ ausgebrochen sein sollte. Vor einem Jahr war AHA für uns nicht mehr als ein Ausruf des Verstehens und die Daseinsberechtigung von Handschuhen in unseren Leben bestand darin, unsere Finger im Winter zu wärmen. Homeoffice verstanden wir wahlweise als Luxus oder als Synonym für Faulheit, ins Konzert ging man höchstens deshalb nicht, weil man Beethoven nicht leiden konnte, stündliches Lüften war nur etwas für Frischluftjunkies und das größte Problem der Welt hieß Donald J. Trump.

Das ist genau ein Jahr her. Seitdem hat sich unser Leben radikal geändert. Und wenn ich ehrlich sein soll: Mir fällt es schwer, mich daran zu erinnern, wie sich ein Einkaufsbummel ohne Mund-Nasenschutz anfühlt, wie sich ein Kneipenbesuch ohne Plexiglas-Trennwände abläuft oder ein Eingangsbereich ohne Desinfektionsmittelspender aussieht. Wenn ich Serien oder Filme schaue, erwische ich mich immer öfter dabei, wie ich kurz aufzucke, wenn der Protagonist ohne Maske ein Geschäft betritt oder seinem Gegenüber ganz selbstverständlich die Hände schüttelt.

Ganz ehrlich: Ich finde es bewundernswert, wie schnell wir uns an die neue Realität gewöhnt haben. Der Mund-Nasenschutz ist mittlerweile für manch einen schon zu einem Modeaccessoire geworden, Christian Drosten das neue Gesicht der Nation und die Zahlen des RKI gehören zu den täglichen Nachrichten wie der Wetterbericht oder die aktuellen Börsenkurse.

Ich frage mich: Was wird kommen, wenn wir diese Zeit überstanden haben? Die Coronakrise hat uns in unserem unerschütterlichen und zugegeben leicht arroganten Bild von uns selbst erschüttert, das da lautet: Wir – unser Wohlstand, unser Staat, unsere Wirtschaft – sind unverwundbar! Jetzt wissen wir: Wir sind es nicht. Ob wir das vergessen werden, sobald die Infektionszahlen heruntergehen und wir uns impfen lassen? Vieles davon bestimmt. Aber einige Erfahrungen, denke ich, werden bleiben und uns prägen: sei es die Angst um ausverkauftes Klopapier und Nudeln zum Beispiel, die Wertschätzung sozialer Kontakte oder das Wissen, dass es nicht egal sein kann, was in einer Stadt in China, am anderen Ende der Welt passiert.

Bis bald, gesund, in Niederkassel!

Diese Kolumne erschien zuerst im machPuls Magazin 1/2021.

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