Ansiedlung von PCC in Lülsdorf

Debatte rund um Ethylenoxid: informativ oder Panikmache?

Ansiedlung von PCC in Lülsdorf

Eigentlich wollte ich als Niederkasseler, der bei Evonik arbeitet, mich nicht mehr an der öffentlichen Debatte um die geplante Ethylenoxid-Anlage in Lülsdorf beteiligen. Schließlich hat die Gegenwehr eine Kampagnenform angenommen, in der auch klarste Fakten, die für die Anlage sprechen, ausgeblendet und zielgerichtet mit Nebelkerzen überdeckt werden. Doch zwei Veröffentlichungen in der letzten Ausgabe der Montagszeitung haben mich in weiten Teilen so fassungslos gemacht, dass ich meinen Vorsatz doch aufgeben musste.

Es ist schon absurd: Da werden in einem Leserbrief sogar in Indien mit Ethylenoxid (EO) verunreinigte Sesamsamen als Kronzeuge angeführt, um die Gefahren einer EO-Produktion in Lülsdorf zu belegen! Der Fakt, dass unsere Behörden selbst diese Verunreinigung - trotz der Unmenge an Lebensmittelimporten - sofort entdeckt haben, belegt doch gut, wie genau bei uns auf EO geschaut wird. Um ein Vielfaches mehr gilt das für jede einzelne große Produktionsanlage.

Die bedrohliche Sesamsaat wird dann im Leserbrief „garniert“ mit einer Studie der amerikanischen Umweltbehörde EPA und einer Dokumentation des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages zu den Krebsgefahren von EO. Kein Wort dazu, worum es in der EPA-Studie wirklich geht: nämlich um Anlagen in den USA, bei denen EO massenweise legal zum Schornstein rausgeblasen wird und so die Nachbarn gefährdet, nachdem es zur Sterilisation benutzt wurde. Also um Anlagen, die in Deutschland nicht erlaubt sind und die niemand hier bauen will. Bei uns in Lülsdorf ist eine Anlage in Planung, in der EO in geschlossenen Systemen produziert und weiterverarbeitet werden soll.

Wenn dann noch die beiden Vorsitzenden der Bürgerinitiative in einem Interview ausführlich über die Symptome einer EO-Vergiftung mit hohen Dosen schwadronieren dürfen (Zuckungen! Krämpfe! Koma!), frage ich mich schon, was das noch mit Information einer interessierten Öffentlichkeit zu tun haben soll. Da ist wohl eher Panikmache das Ziel.

Fakt ist: EO ist entzündlich, explosiv und krebserregend. Das ist allseits bekannt. Genau deshalb gelten für diesen Stoff bei uns sehr strenge Regeln. Wie für so viele Stoffe, mit denen wir selbst heute tagtäglich in Lülsdorf arbeiten. Und deshalb muss eine Firma wie PCC durch sehr detaillierte Prüfverfahren, um solch eine Anlage bauen und betreiben zu dürfen.

Solche Anlagen gibt es übrigens heute schon in Europa. Dort arbeiten Menschen wie meine Kollegen und ich, teils seit Jahrzehnten. Direkt neben und mit dem Gefahrstoff EO. Und diese Menschen gehen – oh Wunder – in den Ruhestand, ohne vorher alle von Krebs befallen zu sein. Warum? Weil sie durch die vorgeschriebene Technik gut geschützt werden. Das ist bestens belegt: Der Wissenschaftliche Dienst des Bundestages berichtet ausführlich über arbeitsmedizinische Untersuchungen in der EU, laut denen seit mindestens 20 Jahren keine Krebserkrankung bei Arbeitern infolge von EO aufgetreten ist – wegen der strengen geltenden Grenzwerte.

Wieso nun Anwohner in 300 Meter Entfernung vom Koma bedroht sein sollen, wenn Arbeiter tagaus, tagein direkt in den EO-Anlagen gesund ihren Job machen können, darauf geht keiner der EO-Gegner ein. Aber das passt ja wohl auch nicht ins beabsichtigte Bild. Da wird lieber pauschal behauptet, dass EO das Leben und die Gesundheit der Anwohner in drei Kilometer Radius gefährde…

Ich bin mitnichten blind gegenüber Risiken. Die genaue Prüfung von Risiken schützt Menschenleben – vor allem auch meine eigene Gesundheit und die meiner Arbeitskollegen. Folgt man aber solch verzerrten Risiko-Darstellungen, wie sie hier aufgeführt wurden, dann kann man nicht mehr zu einer sauberen Beurteilung kommen. Wer solch schrägen Annahmen Glauben schenkt, müsste dann auch jede Tankstelle in unbewohnte Gegenden verlegen und Benzinlaster verbieten wollen – explosiv! Krebserregend! Und den Flughafen am besten auch gleich noch schließen – Absturzgefahr! Wer das jetzt absurd findet, hat recht. Aber das ist die Art und Weise, in der von einigen Beteiligten über uns und unsere Arbeit in der Chemie diskutiert wird – leider.

Sebastian Wessel

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