Warum soll in unmittelbarer Nachbarschaft eines Wohngebiets eine chemische Produktionsanlage gebaut werden?

Was ist daran unkorrekt dargestellt, wenn sich die Bürger über in den Medien kommunizierte Störfälle in EO-Produktionsanlagen ängstigen, fragt sich Klaus Schriever. Sein Kommentar auf machPuls.

Warum soll in unmittelbarer Nachbarschaft eines Wohngebiets eine chemische Produktionsanlage gebaut werden?

Kommentar zum Leserbrief von Dr. A. Selbach zur geplanten Ansiedlung von Anlagen zur Produktion von Ethylenoxid (EO) am Evonik-Standort Lülsdorf durch PCC:

Die seit über 100 Jahren dauernde Nachbarschaft vom Chemiewerk Lülsdorf mit der ursprünglich rein bäuerlichen geprägten Bevölkerung war nicht immer harmonisch. Wie in der Chronik des Werkes vermerkt, wurden die „Wildermannwerke, chemische Fabriken“ 1912 auf der grünen Wiese gegründet. Es gab also keine Abstandsprobleme zwischen Werk und Wohnbebauung. Doch die damalige Bevölkerung lehnte den Bau der neuen Fabrik mit der Kali- und Natriumelektrolyse ab; sie fand Beschäftigung in der Landwirtschaft. So mussten Arbeitskräfte aus einem größeren Umkreis angeworben werden, für die dann nahegelegene Werkswohnungen errichtet wurden.

Auch wird in der Chronik nicht verschwiegen, dass die Fertigung während der beiden Weltkriege auf Vor-Produkte zur Sprengstoff-Herstellung umgestellt wurde. Es wird auch nicht verschwiegen, dass im Weltkrieg Gefangene und Zwangsarbeiter aus den von Deutschland besetzten Gebieten für die gefährliche Arbeit eingesetzt wurden. Diese auf Transparenz gründende Kommunikation führt zu einem offenen Dialog über die Weiterentwicklung des Standorts Lülsdorf der Evonik. Wenn nun bemängelt wird, dass sich in den Leserbriefen der Bevölkerung von Lülsdorf, Ranzel und Niederkassel an die Presse Unsicherheit und Angst ausdrückt, so ist das die Folge unzureichender Kommunikation seitens des potenziellen Partners PCC.

Was ist daran unkorrekt dargestellt, wenn sich die Bürger über in den Medien kommunizierte Störfälle in EO-Produktionsanlagen ängstigen? PCC hat auf diesbezügliche schriftliche und telefonische Anfragen nach der Informationsveranstaltung am 8. Februar 2020 nicht reagiert. Die entsprechende Internetseite www.pcc-luelsdorf.de schweigt sich ebenfalls aus.

Es muss allerdings festgestellt werden, dass mal wieder der Bürgerverein Niederkassel (Ort) und der Bürgerverein für Lülsdorf und Ranzel verwechselt werden. Während der BV Lülsdorf-Ranzel Mitte Februar 2020 auf seiner Homepage in einer wohlabgewogenen Stellungnahme seine Vorbehalte zum Bau einer Ethylenoxidanlage äußert und Fragen an PCC und zur Entwicklung des Chemie-Standortes Lülsdorf stellt, werden auf der Homepage des BV Niederkassel mit einer Flut von Links zu englischsprachigen Internetseiten Nebelkerzen geworfen. Hier soll die Gefährlichkeit von EO bewiesen und gleichzeitig davon abgelenkt werden, dass der BV Niederkassel keine eigene Position beziehen will oder kann. Die Äußerungen in den „Sozialen Medien“ entsprechen in keiner Weise einem demokratischen Diskurs und führen nicht zu einer sachlichen Meinungsbildung.

Laut der Gefahrstoffdatenbank der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung ist Ethylenoxid ein „Extrem entzündbares Gas. Bildet mit Luft explosive Gemische. Auch in Abwesenheit von Sauerstoff exotherme Reaktion möglich. Es ist chemisch instabil (explosionsfähig) und kann in Gegenwart einer Zündquelle auch ohne Luftsauerstoff explosionsartig reagieren.“ und „Leicht löslich in Wasser. Gas ist schwerer als Luft. Bei Erwärmen der Druckbehälter kann spontane Polymerisation eintreten. Beim Verdampfen der sehr kalten Flüssigkeit oder beim Entspannen des Gases bilden sich kalte Nebel, die sich am Boden ausbreiten. Von dem Stoff gehen akute oder chronische Gesundheitsgefahren aus. Der Stoff ist gewässergefährdend.“

„Das die chemische Industrie sehr gut und sicher mit gefährlichen Substanzen umgehen kann, weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich weiß aber auch, dass es bei aller Erfahrung und Sorgfalt kein „Null-Risiko“ gibt.“ schreibt der Chemiker Chr. Krösche in seinem Leserbrief (Anm. d.Red.: in der Montagszeitung) vom 25.04.2020.

Und das ist der Kern des Protestes: Warum soll in unmittelbarer Nachbarschaft eines mittlerweile dicht besiedelten Wohngebiets eine chemische Produktionsanlage gebaut werden, die bei einem nie auszuschließenden Störfall in dem von der Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) betrachteten Gebiet zu erheblichen Verlusten führen kann?

Als ich 1976 meine Diplomarbeit an der RWTH Aachen über die Sicherheit von Kernkraftwerken schrieb, war ich von deren Ungefährlichkeit bei Einhaltung aller technischen und organisatorischen Regeln überzeugt. Als wir 10 Jahre später unser zweites Kind erwarteten, wurde am 26.04.1986 durch den Reaktorunfall in Tschernobyl diese Überzeugung hinweggefegt. Es geht nicht um eine grundsätzliche Ächtung der Chemieindustrie, wie es nach der Katastrophe von Fukushima im Jahre 2011 mit der Atomindustrie in Deutschland geschah. Aber bei einer Neuansiedlung einer Gefahrstoff-Produktion sollte diese nicht ausgerechnet in dicht besiedeltem Gebiet erfolgen.

Die Umweltverträglichkeitsstudie für die Rheinspange 553, eine geplante Rheinquerung zwischen Wesseling und Niederkassel, kommt zu dem eindeutigen Ergebnis, dass aus umweltfachlicher Sicht kaum Möglichkeiten für eine konfliktfreie Trassenführung bestehen. Es wurde dabei fast genau die selbe Fläche untersucht, die auch von der Umweltverträglichkeitsprüfung zur Genehmigung einer Ethylenoxid-Produktion in Niederkassel zu beurteilen ist!

Die Stadt Niederkassel sieht sich als beliebte Wohnstadt mit kleinen und mittelständigen Unternehmen und guter Verkehrsanbindung zu den Oberzentren Köln und Bonn. Zum Erreichen dieser Position hat Niederkassel erhebliche Investitionen vorgenommen, um besonders junge Familien mit ihrem Bedarf an Kinderbetreuung, Schulen sowie an Bildung, Kultur und Freizeitmöglichkeiten von der Ansiedlung in Niederkassel zu überzeugen. Das sollte nicht durch die Neuansiedlung einer Gefahrstoff-Produktion gefährdet werden.

Klaus Schriever
Dipl.-Ing., Dipl.-Wirtsch.-Ing.
Niederkassel-Lülsdorf

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