Eine Ansiedlung von PCC bringt Standortsicherung mit sich

Seit Anfang Februar diskutieren Befürworter und Gegner einer neuen Chemiefabrik durch PCC in Lülsdorf. Dabei läuft nicht alles fair, findet Michele Agusta, Betriebsratsvorsitzender bei Evonik. Er wünscht sich einen sachlichen Dialog.

Eine Ansiedlung von PCC bringt Standortsicherung mit sich

Ich habe lange überlegt ob ich mich zum Bau der Ethylenoxidanlage durch die PCC äußern soll. Nach Beratung mit meinem Betriebsratsgremium, sind wir der Meinung, wir müssen uns äußern. Das sind wir unserer Belegschaft, unserem Standort und der Sicherheit unserer Arbeitsplätze schuldig.

Mein Name ist Michele Agusta, bin ein „Ranzler Jung“ (wohne 100m Luftlinie vom Evonik Standort entfernt) und ich bin Betriebsratsvorsitzender der Evonik Industries AG am Standort Lülsdorf.

Seit dem 8. Februar 2020 (hier fand die Informationsveranstaltung der Firma PCC zum Bauvorhaben der Ethylenoxidanlage am Evonik Standort Lülsdorf statt) habe ich sehr unruhige Nächte. In dieser Veranstaltung habe ich ein Großteil von Menschen erlebt, die der Chemischen Industrie gegenüber sehr negativ eingestellt sind. Einige Wortbeiträge sind mir immer noch in Erinnerung „…wir begrüßen es sehr, dass der Standort Lülsdorf in den letzten 25 Jahre seine Produktion verkleinert hat…“ oder „… es wird langsam Zeit, dass der ganze Laden hier schließt…“. In dieser Veranstaltung wurde der Standort Lülsdorf mitverantwortlich gemacht, dass so viel Schiffsverkehr mit lauten und stinkenden Dampfer am Rhein stattfindet. In einem anderen Zusammenhang wurden wir mit der Firma Shell gleichgestellt, bei der, laut Aussage eines Mitbürgers, ständig die Flammen aus den Sicherheitsrohren zu sehen sind.

Solche Aussagen sind sehr schmerzhaft für mich. Ich bin seit 29 Jahren am Standort Lülsdorf beschäftigt und mein Papa war über 40 Jahre auch am Standort beschäftigt. Mein Papa ist 1969 als Gastarbeiter aus Italien hierher gekommen und hat am Standort Lülsdorf einen guten und fairen Arbeitgeber gefunden. Da war für mich und meine Brüder klar, in so einer tollen Firma möchten wir auch arbeiten.

Ich habe eine gute Ausbildung als Mess- und Regelmechaniker genossen und war nach Abschluss meiner Ausbildung im Störungsdienst der Prozessleittechnik in vollkontinuierlicher Wechselschicht (für die Produktionsbetriebe am Standort Lülsdorf) tätig. In den weitern Jahren habe ich mich weitergebildet (Truppmann bei der Feuerwehr und IHK Personalfachkaufmann). In der Arbeitnehmervertretung bin ich ununterbrochen seit 1994 auch tätig.

Seit 1995 erlebe ich einen massiven Abbau von Arbeitsplätzen sowie Rückgang von Produktionsbetrieben am Standort Lülsdorf. In der Spitze waren am Standort knapp 1700 Mitarbeiter beschäftigt und heute sind wir unter 500 Mitarbeiter. Wo früher mal Betriebe standen, ist heute nur eine Betonplatte oder nur Grünfläche zu sehen. Das heißt der Standort ist in seiner Mitarbeiterzahl (aus verschiedenen Gründen) um 70 % gesunken.

Wenn man als Betriebsratsvorsitzender solche Aussagen hört, dass man froh ist, dass die Produktionsanlagen zurück gehen am Evonik Standort Lülsdorf oder am liebsten hätte, dass der Standort schließt, heißt das für mich übersetzt, dass man gerne in Kauf nimmt, dass Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz verlieren.

Ein Arbeitsplatz, der heute gut (durch Tarifverträge) bezahlt ist, ein Arbeitsplatz der Familien ernährt, ein Arbeitsplatz, der für die Jugend Zukunft bedeutet.

Eine mögliche Ansiedlung von PCC

Jetzt klopft die Firma PCC (an der Tür) an und möchte ca. 500 Mio.€ investieren, Anlagen bauen und bis zu 200 solcher Arbeitsplätze am Standort Lülsdorf aufbauen. Es ist doch klar, dass jedem am Standort bei so einer Aussage die Augen leuchten. Denn so eine Investition kennt man in Lülsdorf nicht.

Was leider die Kehrseite der Medaille ist, das Produkt Ethylenoxid ist hoch explosiv und wird als krebserregender Stoff eingestuft.

Jetzt fragt man sich warum der Betriebsrat und der Großteil der Belegschaft (leider haben wir mit einigen Mitarbeitern aufgrund der Pandemie nicht sprechen können) so eine gefährliche Anlage unterstützt.

(Aber:) So eine Ansiedlung bringt Standortsicherung mit sich, folglich auch Sicherung der Arbeitsplätze. Die Standortallgemeinkosten würde für die Evonik Industries AG sinken.

In einem Chemieunternehmen wird leider keine Schokolade hergestellt, dass bedeutet das wir heute schon mit gefährlichen Stoffen arbeiten. Aber dafür sind unsere Mitarbeiter sehr gut ausgebildet und unsere Sicherheitsstandards sehr hoch. Bei der Evonik Industries AG geht Sicherheit vor Produktion. Am Standort Lülsdorf haben wir eine sehr gute Aus -und Weiterbildung. Dies wird uns von der IHK immer wiederbestätigt, wenn unsere Prüflinge Auszeichnungen wie Kammerbeste oder Landesbeste erhalten.

Aber auch zuhause arbeiten wir mit Chemischen Produkten. Man nehme als Beispiel einen Chemischen Abflussreiniger, wenn unsere Abflüsse am Waschbecken verstopft sind. In der Gebrauchsanweisung steht, dass dieses Produkt nicht auf die Haut gelangen soll, beim Benutzen soll man, aufgrund der Gase, die entstehen, den Raum gut belüften. Also zuhause gehen wir mit chemischen Produkten gut um, aber man unterstellt der Firma PCC, dass diese das nicht können, weil man keine 100%ige Sicherheit geben konnte.

Bei keinem Produkt oder Konstruktion der Welt gibt es eine 100%ige Sicherheit!

PCC würde eine Ethylenoxid Anlage nach der neusten Technik bauen. Die Sicherheitsanforderung einer solchen Anlage sind sehr hoch und werden behördlich vorgeschrieben und regelmäßig überprüft. Das heißt eine solche Anlage würde nach deutschen Sicherheitsstandards gebaut und betrieben werden.

Mir wurde mitgeteilt, dass die Evonik Industries AG der PCC bei der Suche nach ausgebildetem und gutem Personal unterstützen soll. Das heißt, wir würden die gleichen Standards verwenden, wie wenn wir jemanden für die Evonik Industries AG einstellen würden.

Haben sich die Gegner des Projektes mal überlegt, wofür man Ethylenoxid alltäglich braucht?

  • Ethylenoxid wird als Desinfektionsmittel für Nahrungsmittel, organische Dämmstoffe (Wolle, Pflanzenfasern), Textilfasern und für medizinische Geräte verwendet.

  • Ethylenoxidgas tötet Bakterien, Viren und Pilze ab.

Ich bin sehr davon überzeugt, dass wir heute, erst recht aufgrund des Virus Covid – 19 schon Produkte benutzen deren Grundsubstanzen von einer Ethylenoxidanlage stammen.

Wir haben also auf einer Seite die Firma PCC die eine Produktionsanlage bauen möchte, dessen Produkt hochexplosiv und krebserregend ist und auf der anderen Seite bis zu 200 neue Arbeitsplätze die nach Chemietarif bezahlt werden (dies wurde am 8. Februar 2020 auf der Informationsveranstaltung mitgeteilt). Eine Anlage der neusten Technik, die nach sehr strengen Sicherheitsstandards gebaut wird und dessen Produkt wir heute schon nutzen.

Wir haben in dieser Pandemie lernen müssen, wie wichtig es ist, einen sicheren Arbeitsplatz zu haben. Das heißt mit dem Bau der Anlage würden die Arbeitsplätze der Evonik Industries AG am Standort Lülsdorf gesichert werden und bis zu 200 neue gut bezahlte Arbeitsplätze würden durch die PCC und seine Partner entstehen.

Ich erlebe leider in letzter Zeit, dass die Chemische Industrie immer weniger Akzeptanz in der Bevölkerung hat. Die Bevölkerung möchte auf die Produkte der Chemischen Industrie nicht verzichten, aber die Produktion soll nicht vor der eigenen Haustür stattfinden.

Was ich nicht fair finde ist,

1. dass politische Parteien in Niederkassel dieses Thema als Wahlkampagne für die anstehende Kommunalwahlen nutzen wollen. Dies wurde mir aus internen Kreisen der Parteien bestätigt.

2. dass einige Kollegen und ich selbst persönlich angefeindet werden, weil wir pro Ethylenoxid eingestellt sind.

3. dass mir persönlich in sozialen Netzwerken unterstellt wird, dass ich von der Firma PCC eine Entlohnung erhalte aufgrund meiner Einstellung für eine Ansiedlung.

Was ich mir wünsche ist,

1. den guten und vertrauensvollen Dialog, den wir Arbeitnehmervertreter von Evonik Industries AG am Standort Lülsdorf mit den Ratsmitgliedern der Stadt Niederkassel hatten.

2. dass man die Meinung des Anderen akzeptiert ohne Anfeindungen.

3. dass mein Arbeitsplatz und der meiner Kollegen am Standort Lülsdorf weiter sicher ist.

4. einen fairen und sachlichen Dialog zum Thema Ethylenoxid.

Wir als Betriebsräte bieten den offenen Dialog auch den Bürgerinitiativen sowie Vereinen an. Also meine Bitte an euch ist, „lasst uns gemeinsam reden“.

Michele Agusta

Betriebsratsvorsitzender der Evonik Industries AG am Standort Lülsdorf

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