Corona: ein Jahr ganz ohne Karneval

Was bedeutet die Absage für die Niederkasseler Karnevalsvereine?

Corona: ein Jahr ganz ohne Karneval

Jetzt ist es offiziell. Am 9. Oktober kamen die Vorsitzenden der Niederkasseler Karnevalsgesellschaften in Mondorf im Saal „Zur Post“ zusammen, um gemeinsam die Absage aller karnevalistischen Aktivitäten in dieser Session zu entscheiden. Alle waren sich einig: Ein Karneval, wie wir es kennen und lieben, wäre unter den momentanen Umständen nicht möglich, in jederlei Hinsicht unverantwortlich und eine konsequente Absage aller Veranstaltungen die einzig vernünftige Entscheidung. Das betrifft Sitzungs- und Straßenkarneval gleichermaßen.

Keinem der versammelten Karnevalisten fiel die Entscheidung leicht, das war nicht zu übersehen. Kein Wunder! Wie in so vielen Städten im Rheinland spielt die 5. Jahreszeit eine entscheidende Rolle im alljährlichen Niederkasseler Stadtleben. Karneval ist dabei mehr als nur ein Tag im November und eine Woche im Frühjahr. Die Vorbereitung, die Sitzungen, die Proben der Garden, die Planung der Garden – das und noch weit mehr hält nicht wenige Jecken das ganze Jahr über auf Trab. Nicht von ungefähr kommt das Sprichwort „Nach dem Karneval ist vor dem Karneval“. Wir haben mit den Vorsitzenden der vier größten Karnevalsvereinen Niederkassels darüber gesprochen, was die Absage für sie und ihren Verein bedeutet.

Mondorf: 1. Mondorfer Karnevalsgesellschaft Blau-Weiß

„Meine Liebe, mein Dorf, mein Verein“ lautet das Motto der 1. MKG Blau-Weiß. Seit 1994 gibt es den Verein und mit ihm die traditionelle Sessionseröffnung am 11.11. Ebenfalls ein fester Bestandteil des Mondorfer Karneval ist die Herrensitzung, die der Vorsitzende Marc Piel liebevoll aus „mein kleines Baby“ bezeichnet. Zum genau 11. Mal hätte diese in diesem Jahr stattgefunden. „Es wird eine Leere im Dorfleben stattfinden die nicht zu vernachlässigen ist“, beschreibt es der Vorsitzende, „Mit dieser Absage wird es fast ein Jahr lang keine Großveranstaltung hier in Mondorf geben. Das macht mich einfach traurig, ist aber richtig und notwendig.“

Insbesondere um die Garden macht er sich Gedanken. Diese würden das ganze Jahr über für ihre Auftritte trainieren und sich darauf freuen. Alternative Auftrittsmöglichkeiten seien in Planung: „Eine Auftrittsmöglichkeit für die Garden im Kreis der Eltern wird angestrebt, jedoch kann man in Anbetracht der aktuellen Zahlen dazu noch keine weiteren Planungen machen. Das wichtigste Ziel jedoch ist, dass die Kinder den Eltern ihren Tanz im Kostüm präsentieren können, im Idealfall vor Aschermittwoch.“

Ranzel: KG Rut-Wiess

„Die Künstler für die Sitzungen sind in der Regel schon ein bis zwei Jahre vor der Session gebucht, während die Detailplanung der Sitzungen circa ein halbes Jahr vorher startet“, erklärt Uwe Spiller, Präsident von der KG Rut-Wiess Ranzel, „Wir stellen seit über 50 Jahren ununterbrochen Tollitäten. Diese planen mit ihren Teams für die jeweils vereinbarte Session und bestellen auch Accessoires und Geschenke mit Jahreszahl und Namen. Urlaube werden lange vorher geplant und Auftritte mit Sponsoren und Arbeitgebern vereinbart.“ Bereits 1961 zog der erste Veilchendienstagszug durch Ranzel und 1968 wurde die erste Tollität proklamiert. Gegründet wurde der Verein 1973.

„Meine Eltern waren bereits im Kölner Karneval aktiv und so kenne ich die 5. Jahreszeit von Kindesbeinen an“, beschreibt der Präsident sein persönliches Verhältnis zu Karneval, „es wird mit sehr fehlen, gemeinsam mit dem ganzen Verein, den Garden, Elferrat, Senat und Tollitäten von Saal zu Saal zu ziehen, auf den Bühnen zu stehen und gemeinsam Frohsinn zu verbreiten“. Auch die Treffen mit den anderen Vereinen werde er vermissen, oder „nur ganz einfach gut gelaunt zu feiern und zu schunkeln“.

Rheidt: Festkomitee Rheidter Karneval

Sogar noch länger als die KG Rut-Wiess gibt es das Festkomitee Rheidter Karneval. Gegründet wurde der Verein 1961. Der heutige Vorsitzende Roland Forst ist ebenso wie seine Amtskollegen davon überzeugt, dass die Absage die einzig richtige Entscheidung ist: „Die Entscheidung wurde im Vorstand einstimmig getroffen und wird von allen Vereinsmitgliedern mitgetragen. Ich bin sehr traurig darüber, aber einen Karneval, wie wir ihn kennen, zu feiern halte ich für verantwortungslos. Einen Karneval im ‚Kleinen‘ können wir uns aber leider nicht leisten und lässt sich auch nur schwer durchführen.“ Karneval ist für ihn Heimatkultur, die es zu bewahren gilt und nicht zuletzt „das schönste Hobby der Welt“.

Niederkassel: Ortsring Niederkassel & IGK Blau-Gelb Niederkassel.

Ramon Wiener ist Karnevalist durch und durch. Als 1. Vorsitzender des Ortsring Niederkassel sowie 2. Vorsitzender der IGK Blau-Gelb Niederkassel hat er einen guten Überblick über die jecken Aktivitäten in Niederkassel-Ort. Auch hier fiel die Entscheidung, die Karnevalssaison abzusagen, einstimmig aus, ganz ohne Widerstände aus den eigenen Reihen. Er selbst steht ebenfalls voll hinter der Entscheidung, auch wenn er es enorm schade findet und die Rückabwicklung aller bereits geplanten Veranstaltungen einen enormen Zeitaufwand für ihn und die Vereine bedeutet.

Trotz allem hegt er eine kleine Hoffnung: „ Ich denke und hoffe, dass es die Chance ist, die in den letzten Jahren immer weiter schneller voran geschrittene Kommerzialisierung des Karnevals (Gagen, Größe, Masse an Terminen und Veranstaltungen) zu stoppen und sich wieder auf das zu konzentrieren, was Karneval an sich ausmacht: der Spaß an der Freud und die Geselligkeit. Und genau darauf konzentrieren wir uns dann in der Session 2022.“

Logo